Wie versprochen, exklusiv auf diesem Blog Kapitel 1.

 

 
»Ich bin fertig. Triffst du mich im Café? Ich muss gleich meine Schicht antreten«, murmelte ich in mein Handy und wühlte gleichzeitig in meiner Handtasche nach dem Schlüssel für meinen kleinen Peugeot. Das Auto hatte einmal meiner Mutter gehört. Jetzt, da sie es nicht mehr benutzen konnte, fuhr ich es. Es war auch viel leichter von A nach B zu kommen in Edinburgh, wenn man einen fahrbaren Untersatz besaß – vorausgesetzt man fand auch einen Parkplatz. Und gerade kam ich aus dem Büro eines Anwalts und war auf dem Weg in das kleine Campuscafé auf dem Gelände der Edinburgh University, in dem ich jeden Tag nach Uni, einem Besuch bei meiner Mutter und den Hausaufgaben ein paar Stunden bediente, um mir das Studium, Mutters Pflegeheimplatz und ein Zimmer auf dem Campus leisten zu können. Zumindest das Zimmer konnte ich mir demnächst sparen, wenn ich Anne von meiner Idee überzeugen konnte.
»Bin sofort da. Ich platze schon vor Neugier. Man erbt ja nicht jeden Tag was von einer unbekannten Großtante.« Unbekannte Großtante traf es auf den Punkt. Wie sich herausgestellt hatte, hatte ich hier in Edinburgh eine Großtante, die die Tante meines verstorbenen Vaters gewesen war, von der niemand etwas gewusst hatte, weil Vater sie nie erwähnt hatte. Zumindest konnte ich mich nicht daran erinnern, dass er je von ihr gesprochen hatte. Leider konnte ich meine Mutter auch nicht nach dieser Elisabeth Donald fragen. Und da ich nicht gewusst hatte, dass sie existiert hatte, hatte mich das Schreiben in dem ich über eine Erbschaft in Kenntnis gesetzt wurde, auch völlig überrascht.
»Also dann, in zwanzig Minuten?«
»Werde da sein. Mach uns schon mal einen Latte. Oder sollten wir besser eine Flasche Schampus köpfen?« Anne machte schon seit Tagen ihre Witze. Manchmal meinte sie, ich wäre vielleicht jetzt Millionärin oder Besitzerin einer großen Firma oder hätte gar einen Adelstitel geerbt. Ich rollte mit den Augen, musste aber über Anne lächeln, da ich wusste, dass sie die Neugier schier zerriss. Aber die paar Minuten konnte sie auch noch warten, schließlich betraf dieses Erbe auch sie, wenn sie sich denn mit meinen Plänen anfreunden konnte.
Ich stellte mein Auto auf dem Parkplatz vor dem Swann Building ab und ging in das Café, wo Ben mich schon mit zusammengekniffenen Lippen erwartete.
»Ich hatte schon Angst, du kommst heute nicht mehr.« Ben war mein Chef. Er war knapp vierzig, sah für sein Alter aber umwerfend gut aus: groß, schlank und dunkelhaarig mit wenigen grauen Strähnen. Er trug eine silberne Brille, was ihm zusätzlich auch noch eine gewisse Intelligenz verlieh. Nicht, dass er nicht intelligent wäre, aber die Brille unterstrich das noch.
»Tut mir leid, der Termin beim Notar hat doch etwas länger gedauert, als ich angenommen hatte. Du weißt ja, wie das so ist mit dem ganzen Papierkram.«
Ben nickte brummend und ging hinter den Tresen, wo er mir gleich die Kasse übergab. In den frühen Abendstunden war hier das Meiste los. Dann nämlich kamen viele Studenten her, um zu lesen, Hausaufgaben zu machen oder sich zu unterhalten.
Nachdem Ben mich eingewiesen hatte, ging ich schnell in die Garderobe und band mir die Kellnerschürze um, die eigentlich die einzige Kleidungsvorschrift im Swann Café war. Als ich wieder in das Café kam, war auch Anne schon eingetroffen. Sie saß auf dem Barhocker, auf dem sie immer saß, wenn ich bediente, damit sie die Minuten nutzen konnte, in denen ich hinter dem Tresen Espresso oder Latte Macchiato herausließ, um mit mir zu plaudern. An den vier Tagen pro Woche, an denen ich hier bis zweiundzwanzig Uhr arbeitete, hatten wir nämlich kaum Zeit, um zu reden.
Heute würde das anders sein, denn es regnete in Strömen und dann kamen selten Gäste. Deswegen hatte Ben es auch so eilig, mir die Kasse zu übergeben, denn solche Tage nutzte er dafür, im Büro den ganzen Schreibkram zu erledigen.
Ich machte Anne und mir einen Latte mit sehr viel Milchschaum, nachdem ich zwei Mädchen mit Tee versorgt hatte, die gerade lachend hereingekommen waren und sich das Wasser aus den Haaren geschüttelt hatten. Dieser Spätsommer machte Edinburgh wirklich alle Ehre.
»Also, Schluss mit der Folter! Ich will es sofort wissen, sonst platze ich noch. Und das wird echt nicht schön für dich, weil du dann diesen riesigen Fettfleck von allen Wänden hier putzen musst.«
Ich stöhnte theatralisch. »Du weißt genau, dass du nicht dick bist.« Mindestens einmal am Tag musste ich Anne erklären, dass sie kein bisschen zu dick war. Vielleicht war sie nicht Size Zero, aber wer wollte denn schon so klapprig sein wie Frau Beckham? Ich nicht. Ich war stolz auf meine kleinen Rundungen. Fünfundfünfzig Kilo auf 1,68 Meter war doch ganz in Ordnung. Und wenn Anne sich für dick hielt, dann würde das bedeuten, dass ich es auch war, schließlich wog sie nur drei Kilo mehr als ich und die kamen, da war ich mir sicher, von diesen riesigen Brüsten, die sie vor sich herschob, während meine BH-Größe absolut nicht erwähnenswert war.
Anne seufzte und brabbelte etwas in ihren Milchschaum. »Jetzt erzähl schon!«
»Erst gestehst du, dass du nicht dick bist.«
Schmollend rührte Anne mit dem Löffel ihren Kaffee um und strich dann ihren blonden kinnlangen Bob hinter ihre Ohren. Eine Frisur, auf die ich ganz neidisch war, denn sie sah wirklich absolut heiß mit ihren kurzen Haaren aus. Eine Mischung aus frech und begehrenswert. Mir standen kurze Haare gar nicht. Irgendwie fand ich mein Kinn dafür zu spitz und meine Wangenknochen zu breit, weswegen ich meine hellbraune Mähne immer ein bisschen in mein Gesicht hängen ließ. So wie ich nicht fand, dass Anne zu dick war, so fand sie, dass ich bescheuert und blind war, wenn ich glaubte, dass ich nicht absolut gut aussah.
»Ich gestehe«, sagte sie genervt. »Also?«
Ich löffelte etwas Schaum in mich hinein. Ich muss zugeben, ich war nervös, wenn Anne nicht so überzeugt von meiner Idee war, wie ich es war, dann wusste ich auch nicht, was ich tun sollte. Denn dieses Erbe war meine Chance, im Café kürzer treten und mich vielleicht etwas mehr um meine Mutter kümmern zu können. Und das Studium, das brauchte auch etwas mehr meiner geringen Zeit, denn sonst sah es wirklich schlecht mit den Literaturwissenschaften aus. »Ich habe eine Dreizimmerwohnung geerbt. Ganz in der Nähe, 13 West Newington Place.«
Anne runzelte die Stirn. »Eine Wohnung? Willst du die vermieten?« Sie dachte kurz darüber nach. »Ja, das wäre doch eigentlich gut. Du vermietest sie und musst nicht mehr im Cafè schufften.«
»Eigentlich hatte ich gedacht, da es ja drei Schlafzimmer wären, du und ich ziehen dort ein. Dann müsste ich das Wohnheim nicht mehr zahlen.« Ich zögerte. »Und vielleicht könntest du mir etwas Miete zahlen.« Oh man, war mir das unangenehm! Ich wollte Anne ja auch nicht ausnutzen.
»Du meinst, du und ich in einer WG? Keine Partys mehr im Wohnheim, kein Gröhlen, keine laute Musik, kein Müll überall. Und keine überfüllten Duschen? Ja, das wäre auch eine Möglichkeit. Wann schauen wir uns das schöne Erbe an? Ich meine, wir möchten ja nicht in eine Bruchbude ziehen.« Eigentlich hätte Anne auch bei ihren Eltern in der großen Stadtvilla wohnen können, aber sie wollte unbedingt weit weg von ihrer bevormundenden Mutter sein. Und nachdem ich ihre Mutter kannte, verstand ich, dass sie lieber eine Dusche in einem Wohnheim vorzog als ein Luxusbad im Hause ihrer Eltern.
Anne hatte das verdammte Glück, dass ihre Eltern recht gut verdienten. Sie hatten beide wichtige Positionen in einer Marketingfirma. Sie hatte mir auch schon mehrfach angeboten, meine Kosten für das Wohnheimzimmer, das wir gemeinsam bewohnten, zu übernehmen, aber das wollte ich nicht. Es wäre mir unangenehm, auf Kosten anderer zu leben. Wenn sie aber bei mir zur Untermiete wohnen würde, dann könnte ich gut damit leben, ihr Geld zu nehmen, denn dann würde ich ihr ja eine Gegenleistung dafür bieten.
»Morgen Nachmittag. Ich werde Mom morgen mal nicht besuchen, damit wir uns alles in Ruhe anschauen und überlegen können, was wir machen wollen.«
»Hey, Lucy! Machst du mir ein Glas Cola? Ohne Eis bitte.« Stephan stand plötzlich vor mir und sah mich aus blitzenden Augen an. »Wo warst du nur gestern, meine Schöne? Den ganzen Abend habe ich auf dich gewartet. Einen Strauß mit fünfzig roten Rosen für jedes Mal, wenn du mir dein wundervolles Lächeln geschenkt hast, hatte ich auch besorgt. Aber du warst einfach nicht da.« Stephan war ein großer, schlaksiger blonder Typ, der mit mir zusammen in Geschichte ging und immer einen solchen Spruch für mich parat hatte.
»Tut mir leid. Gestern war ich leider nicht im Dienst. Aber wie ich Ben kenne, hat er sich genauso über die Rosen gefreut.«
Stephan lief feuerrot an, denn Ben stand total auf ihn und ließ ihn das auch immer wieder gerne spüren. Ich stellte ein Glas mit Cola vor Stephan auf den Tresen und er nahm es und ging damit zu den zwei Mädchen, die noch immer ihre Hände bibbernd um ihre heißen Teetassen geschlossen hatten. Wahrscheinlich würden sie sich jetzt die nächste halbe Stunde Stephans nette Anmachsprüche anhören müssen. Bei Anne hatte er es aufgegeben, als die ihm einmal erklärt hatte, dass sie es nur mit viel Leder und Masken mochte. Und sie wäre bereit es mit ihm zu versuchen, wenn er bereit wäre, sich von ihr den Hintern versohlen zu lassen. Stephan war nicht bereit dazu gewesen. Seither wich er Annes Blicken immer aus. Sie schüchterte ihn wohl ein. Und keine von uns wollte ihn darüber aufklären, dass Anne in Wirklichkeit keinen Hang zu SM hatte.
»Das könnte richtig schön werden. Wir zwei zusammen in einer Wohnung. Oh, wir müssen unbedingt Ikea plündern. Und Vliestapeten! Ich liebe Blumentapeten. Ich kann es schon vor mir sehen.«
»Mir reicht in meinem Zimmer ein Bett, ein Schreibtisch und ein Kleiderschrank. Aber das Wohnzimmer sollten wir uns richtig toll machen«, schwärmte ich, von Annes Überschwang angesteckt.
»Ich bin ja so gespannt! Nur wir zwei Mädchen. Und hin und wieder ein Date«, fügte sie an. In einem Gemeinschaftszimmer war das mit den Dates gar nicht so einfach. Nicht, dass ich häufig welche hatte. Aber bei Anne hatte ich den Eindruck, dass sie sich oft wegen mir zurückhielt.
»Was ist denn mit Daniel von letzter Woche? War er nicht dein absoluter »Traummann«?«, hakte ich grinsend nach. Ich wusste natürlich genau, dass so ziemlich jeder Typ Annes Traummann war.
Anne lächelte verschmitzt und schob mir ihr leeres Glas über die Theke zu. »Auffüllen, bitte. Es hat sich herausgestellt, dass er Dinge bevorzugt, mit denen ich mich nicht anfreunden kann.«
»Die da wären?«
Anne sah über ihre Schulter zurück, um sicher zu gehen, dass uns auch keiner hören konnte. »Er wollte mit mir in einen Swingerclub. Er meinte, es würde ihn nur anmachen, wenn er mir dabei zusehen könnte, wie ich es mit einem Mädchen mache.«
»Nicht dein ernst?« Schockiert schlug ich eine Hand vor meinen Mund und verfiel dann in kichern, als ich mir Annes Blick in dem Moment vorstellte, als Daniel ihr das gestanden hatte.
»Und ob! Wir saßen gerade in seinem Zimmer auf dem Bett und haben herumgemacht und ich hab schon angefangen, mich zu wundern, weil sich da unten so gar nichts geregt hat, und da platzt er damit raus. Du kannst dir bestimmt denken, ich bin aufgestanden und aus dem Zimmer gerannt.«
Ich lachte laut auf und hielt mir den Bauch.
»Was ist so lustig?«, wollte Ben wissen, der den Papierkram entweder aufgegeben hatte oder fertig war. Seinem mürrischen Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatte er aufgegeben.
»Annes Date wollte mit ihr in einen Swingerclub.«
Ben brüllte vor Lachen auf. »Sie? Niemals.«
Anne guckte beleidigt und räusperte sich. »Wieso eigentlich nicht?«
»Dafür bist du viel zu fein und sittlich. Du suchst dir zwar immer die bösen Jungs aus, aber ich werde das Gefühl nicht los, das ist nur ein Protest gegen deine Eltern.« Annes Eltern waren ziemliche Moralapostel. Bei ihnen musste alles immer perfekt sein, auch ihre Tochter.
»Vielleicht bin ich ja gar nicht so wie du denkst.« Anne zog einen Schmollmund.
Ben wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und nickte. Dabei presste er seine Lippen fest aufeinander und versuchte krampfhaft, nicht wieder mit Lachen anzufangen. Er schnappte sich ein paar schmutzige Tassen und stellte sie in den Geschirrspüler. Dann verschwand er breit grinsend wieder im Büro. Annes kleines Abenteuer hatte ihm wohl die Motivation zurückgebracht.